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Maria - ein Revolutionslied Maria - ein Revolutionslied

Wir haben an den letzten Sonntagen Szenen aus dem Leben von zwei Personen der Adventszeit näher betrachtet. Von Zacharias und seiner unfreiwilligen Schweigekur. Und seiner schwangeren Frau Elisabeth, die eine vorgezogene Weihnachtsfeier erlebt.
Gerade in dem Moment als ihre Verwandte Maria zur Tür hereinkommt, tut sich was. Elisabeth spürt eine deutliche Kindsbewegung. "Als ich deine Stimme hörte und deinen Gruß, hüpfte das Kind aus lauter Freude in meinem Leib!" (V 44)
Elisabeth ist überzeugt davon, dass das Baby in ihrem Bauch sich darüber freut, dass Maria mit Jesus schwanger ist. Spontanen stimmt sie einen lauten Jubel an. "Glücklich bist du. Glückselig bist du, Maria."  
Werdende Eltern kennen die Freude über die ersten deutlichen Kindsbewegungen. Erinnern sich daran, wie sie mit der Hand über den Bauch streichelten und beglückt lächelten. Selten jedoch vermutlich an einen spontanen lauten Jubelruf.
Der erinnert eher an den Torjubel in Stadion. Wenn die eigene Mannschaft ein Tor geschossen hat und Fans spontan einen lauten Jubel anstimmen, sich gegenseitig abklatschen, selbst wenn sie sich gegenseitig gar nicht kennen.
Ähnlich erleichtert und beglückt jubelt Elisabeth darüber, dass die Sehnsucht ihres Volkes am Ziel ist. In Jesus kommt der Messias, der Heiland der Welt.
Freude steckt an. Springt von dem ungeborenen Johannes auf seine Mutter über. Elisabeth steckt mit ihrem Jubel Maria an. Maria fängt an zu singen, dichtet aus dem Stand das älteste Adventslied.
Maria besingt die neuen Umstände, wenn Gott sich einmischt, Wohnung nimmt in der Gebärmutter einer Frau und endlich zur Welt kommt. Hören wir ihr ungewöhnliches Weihnachtslied.
»Ich lobe den Herrn aus tiefstem Herzen.
47 Alles in mir jubelt vor Freude
über Gott, meinen Retter.
48 Denn er wendet sich mir zu,
obwohl ich nur seine unbedeutende Dienerin bin.
Sieh doch:
Von jetzt an werden mich alle Generationen
glückselig preisen.
49 Denn Gott, der mächtig ist,
handelt wunderbar an mir.
Sein Name ist heilig.
50 Er ist barmherzig zu denen,
die ihn ehren und ihm vertrauen –
von Generation zu Generation.
51 Er hebt seinen starken Arm
und fegt die Überheblichen hinweg.
52 Er stürzt die Machthaber vom Thron
und hebt die Unbedeutenden empor.
53 Er füllt den Hungernden die Hände mit guten Gaben
und schickt die Reichen mit leeren Händen fort.
54 Er erinnert sich an seine Barmherzigkeit
und kommt seinem Diener Israel zu Hilfe.
55 So hat er es unseren Vätern versprochen:
Abraham und seinen Nachkommen
für alle Zeiten!«
o    Herbe Anbetung
"Ich lobe den Herrn aus tiefstem Herzen. Alles in mir jubelt vor Freude über Gott, meinen Retter."
Maria spricht aus, was ihre Seele empfindet. Endlich kann sie nach dem langen Fußweg und den Tagen der inneren Ungewissheit aufatmen. Das Lob Gottes sprudelt nur so aus ihr heraus.
Wenn wir auf den Text achten, merken wir schnell, dass Marias Anbetungslied anders ist, als manche aktuellen Anbetungslieder, die in westlichen Wohlstandgesellschaften entstanden sind, ob in den USA oder in Australien.  Hier entsteht das Anbetungslied einer junger Frau aus einem besetzten Land im Nahen Osten.
Es hat auch nicht viel gemeinsam mit gängigen Advents- und Weihnachtsliedern. Marias Adventslied fällt ganz aus dem Rahmen. Kein Tannenbaum, kein Weihnachtsduft in jedem Raum, keine stillen Nächte. Statt leise rieselnden Schnees stürzen Machthaber von Thronen. Statt Glocken, die nie süßer klingen, gellen Reichen Alarmsignale in den Ohren. Statt "Morgen, Kinder, wird's was geben" heißt es: Jetzt, wenn der Herr selbst kommt, wird alles neu. Unbedeutende werden erhoben, Hungrige werden satt und Armen wird das Evangelium gepredigt.
o    soziale Veränderungen
Wir wissen relativ wenig über die Sängerin. Marias Herkunft bleibt im Dunklen, in den Evangelien kommt sie wenig zu Wort. Aber das, was sie in diesem Lied formuliert, ist umwerfend. Es ist kein fröhliches Gesäusel. Es ist ein Lied vom heiligen Umsturz.
Ob Maria lesen oder schreiben konnte, können wir  nicht sagen. Sicher ist, dass sie als Frau in der Synagoge nicht sprechen durfte. Aber diese junge Frau erhebt die Stimme und singt das Lied vom Eingreifen Gottes und der Umkehrung aller Verhältnisse.
Sie formuliert so leidenschaftlich und unerschrocken wie die 15jährige Schwedin Thunberg auf der Weltklimakonferenz. Die den Regierungsvertretern mutig vorhielt: "Sie sagen, dass Sie Ihre Kinder über alles lieben und doch sind Sie dabei, deren Zukunft zu stehlen, direkt vor deren Augen. Unsere Zivilisation wird dafür geopfert, dass ein paar wenige Menschen auch weiterhin enorme Summen an Geld verdienen können. Es ist mir egal, ob ich beliebt bin. Ich will einen Planeten, auf dem wir gerne leben. [...] Und uns geht die Zeit aus "
Genauso wenig wie diese  junge, engagierte Umweltaktivistin  ist die junge Frau Maria eine demütige jüdische Hausfrau an der Seite ihres Mannes. Maria will eine Welt, in der Gott regiert.
Maria lobt Gott dafür, dass er sich ihr zuwendet, obwohl sie nur ein unbedeutender Mensch ist. Vertraut ist die Übersetzung Luthers, dass Gott ihre "Niedrigkeit" gesehen habe. Was häufig als Ausdruck von Marias Demut gesehen wurde.
Doch wenn die Bibel von Niedrigkeit redet, dann geht es nicht nur um Demut. Es geht auch darum, dass Menschen zur Beute von anderen werden; es geht um physische und psychische Gewalterfahrungen. Niedrigkeit ist für Maria nicht gottgewollt oder gottgefällig. Maria redet vom Sturz der Gewalttäter.
Maria erlebt beglückt , dass ihr sozialer Status für Gott keine Rolle spielt. Und doch oder vielleicht gerade darum bleibt ihr Lied nicht auf ihr privates Glück begrenzt. Es beschreibt Gott als den, der für die Geringen Partei ergreift und sich derer annimmt, die ihn am nötigsten haben.
"Denn Gott, der mächtig ist, handelt wunderbar an mir. ... und hebt die Unbedeutenden empor. Er füllt den Hungernden die Hände mit guten Gaben."  Maria erinnert uns daran, was wir nicht vergessen sollten: Steht Gott auf der Seite der "Niedrigen", dürfen wir nicht woanders stehen.
Marias revolutionärer Hymnus stellt die alten Hierarchien infrage, auch die zwischen Männern und Frauen. Maria wird in ihrem Anbetungslied zur Prophetin. Sie kritisiert die ungerechten Verhältnisse. Und greift dabei auf die Sprache des Alten Testamentes zurück. Ist es doch das Alte Testament, das ihre Sehnsucht nach Gerechtigkeit nährt.
Maria hat den Mut der Frauen, die sich heute unter "#MeToo" outen. Sie schweigt nicht. Weil sie, die als Frau in ihrer Gesellschaft nahezu ohne Rechte war, mit Großem gewürdigt wird, preist sie Gott. Auf Lateinisch: Magnificat.
Wie wäre wohl die Kirchengeschichte verlaufen, wenn wir in dem Wort "Niedrigkeit" nicht nur die Demut von Maria gehört hätten? Sondern auch die deutliche Kritik an ungerechten sozialen Verhältnissen.
Und wenn wir von ihrem Gebet nicht nur den Anfang, das Magnificat, aufgenommen hätten, sondern auch die revolutionären Töne? Vielleicht würden sich dann christliche Gemeinden heute selbstverständlicher politisch einmischen und an gesellschaftliche Veränderungen mitwirken, diese einfordern und anstoßen.
o    politische Veränderungen
Immerhin sah Luther in dem Magnifikat eine Gewissensunterweisung für Regierende. Betonte, dass Gott den Missbrauch von Macht nicht duldet. Doch Dietrich Bonhoeffer geht zurecht weiter. Bonhoeffer hat Marias Lied "das revolutionärste Adventslied" genannt, das je gesungen wurde. Wild und leidenschaftlich stürmt es den Himmel und zieht ihn auf die Erde. Sagt die Umkehrung aller Dinge an.
Marias revolutionäres Adventslied kann es an Radikalität und Wucht mit dem jungen Karl Marx aufnehmen. Marx verlangte, "alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, geknechtetes Wesen ist". Nur für Marx war es die Vollendung seiner Kritik an der Religion. Für Maria ist es der Anfang ihres Glaubens an den Heiland der Welt.
51 Er hebt seinen starken Arm
und fegt die Überheblichen hinweg.
52 Er stürzt die Machthaber vom Thron
und hebt die Unbedeutenden empor.
53 Er füllt den Hungernden die Hände mit guten Gaben
und schickt die Reichen mit leeren Händen fort.
Für Marx war der Mensch das höchste Wesen. Für Maria ist es das Höchste, dass Gott Mensch wird, in dem Kind, das in ihr heranwächst. Von ihm erwartet sie die Gegenwirklichkeit:  gegen Macht, gegen Reichtum, gegen Herrschaftswillen - für Hungernde, für Schwache, für Barmherzigkeit. Maria macht den groß, der als winzige Ahnung in ihr schlummert, unsichtbar und kaum spürbar. Und doch die Wirklichkeit bestimmend.
o    Zeichenhafte Anfänge
Von all den gewaltigen und umstürzenden Dingen, die sie besingt, hat Maria allerdings nicht viel zu sehen bekommen. Sicher sie hat miterlebt, wie Sterndeuter ihre Knie beugten und Hirten ihre niedergeschlagenen Köpfe erhoben. Sie hat gesehen wie Gold, Weihrauch und Myrrhe zurückblieben. Und wie nach Teilhabe am Leben Hungernde erfüllt von der Krippe weggingen, um das Wort auszubreiten, das ihnen von diesem Kinde gesagt war.
Aber dagegen stand: Sie musste in einer Notunterkunft entbinden, weit weg von zu Hause. Vom Wochenbett ging es direkt auf die Flucht vor einem der Gewaltherrscher, dessen Thron keineswegs gestürzt war bei der Geburt ihres Kindes. Endlich wieder zu Hause in Nazareth, nahm das Leben der Zimmermannsfrau seinen gewohnten Gang. Ihr Mann starb zu früh, soweit wir wissen. Und Jesus, ihr Ältester, brachte mit seinem Lebensstil die ganze Familie in Misskredit. Weinend steht sie eines Tages unter dem Kreuz, an das sie ihn genagelt hatten. Und hört ihn zu einem seiner Jünger sagen: "Siehe, das ist jetzt deine Mutter."
Keine Frau ist so gesegnet wie Maria? Gepriesen hat sie den Herrn, hat unerschrocken und mutig eine radikale Alternative ausgesprochen. Doch diese zu erfahren blieb ihr selbst weitgehend versagt.
Was ist überhaupt eingelöst von den Worten aus dem Lobgesang der Maria? Müssen wir auch heute fragen. "Er stürzt die Machthaber von dem Thron." Dass Machthaber stürzen, haben wir vor Jahren miterlebt. Aber sind nicht wieder neue nachgewachsen? Wie auch sonst in der Geschichte?
Spätestens hier wird deutlich: Die Krippe in Bethlehem ist nicht das Ziel, nicht die Vollendung. Weihnachten ist der Anfang von dem, was einmal kommen soll!
o    Bilder einer heilen Welt
Wie ein Traum wird es sein
wenn der Herr uns befreit
zu uns selbst und zum Glück
seiner kommenden Welt
Der Blinde blinzelt in die Sonne
dem Tauben verrätst du ein Wort und er nickt
wer stumm gewesen spricht die Wahrheit
der lahme Mann schiebt seinen Rollstuhl nach Haus
Geduckte heben ihre Köpfe
Enttäuschte entdecken: die Welt ist so bunt
Verplante machen selber Pläne
die Schwarzseher sagen: es ist alles gut
Die Alleswisser haben Fragen
der Analphabet liest die Zeichen der Zeit
wer nichts besitzt spendiert für alle
die Herrschenden machen sich nützlich im Haus
Wie ein Traum wird es sein
wenn der Herr uns befreit
zu uns selbst und zum Glück
seiner kommenden Welt
Es reicht nicht, vom Umsturz zu träumen. Den Wechsel zu wollen. Man braucht Bilder davon, wie eine heile Welt ausschaut. Die Texte und Lieder, die davon handeln, halten den Glauben an eine radikale Alternative fest. Das Leben würde depressiv ohne diese Widerstandslieder und Widerstandstexte.
Und wenn sie einen verstören, weil die Wirklichkeit so entsetzlich anders ist, haben sie Erfolg. Denn nur Menschen, die sich stören lassen und etwas vermissen, sind offen für die Sehnsucht, die nach Veränderung sucht.  
o    Leben in guter Hoffnung
So ist Glaube, und so sind Glaubende im Advent: Sie leben in guter Hoffnung, gehen schwanger mit den allergrößten Verheißungen und lassen sich bewegen von dem Lied, das alles vorwegnimmt: Dir geschehe, wie du geglaubt hast.
Morgen feiern wir Weihnachten. Vielleicht sind wir keine großen Sänger und Sängerinnen. Vielleicht finden wir keine Worte wie Maria im Magnifikat - aber vielleicht singt es doch in uns. Ein Liebeslied, mit dem wir Gott "erheben", weil er so niedrige Leute "ansieht", wie wir selbst es sind. Weil er auch an uns Großes tut. Das Niedrige in uns erhöht und das Hungernde in uns sättigt. Gott kommt zu dir und zu mir. Er kommt, die Welt zu versöhnen. Glaubst du, so hast du.

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Erstelldatum22.12.2018 15:36:06
Erstellt vonPeter Arpad
Änderungsdatum23.12.2018 13:24:44
Geändert vonPeter Arpad

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