Vom Neonazi zum Christ

Johannes Kneifel war 16, als er einen Menschen tötete. Schon mit 13 rutschte er in die rechtsextreme Szene ab. Doch im Gefängnis änderte sich sein Leben. Er wandte sich dem christlichen Glauben zu. Heute predigt er Nächstenliebe - bald auch von der Kanzel.

Von Martina Schwager

Johannes Kneifel war Neonazi und hat einen Menschen getötet - totgeschlagen. Gewalt war seine Sprache: austeilen - einstecken. Im Gefängnis galt er als Unverbesserlicher. Und doch nahm sein Leben eine unerwartete Wendung. Anfang nächsten Jahres wird er Pastor einer evangelisch-freikirchlichen Gemeinde irgendwo in Deutschland sein. „Ich schäme mich", sagt er leise. „Aber ich freue mich auch über das Wunder, dass ich hier stehen darf."
Immer wieder wird er gefragt, ob er vor Menschen seine Geschichte erzählen will - eben weil sie so abschreckend und erstaunlich zugleich ist. „Ich kann nichts wieder gut machen", betont er. „Ich kann nur davon erzählen." Es falle ihm nicht immer leicht, und er dränge sich nicht auf: „Aber Gott hat sich an meine Seite gestellt. Er hat mir vergeben."
Diesmal spricht Kneifel bei einer Diskussionsrunde der evangelischen Hanns-Lilje-Stiftung. In der Osnabrücker Katharinenkirche geht es zum Gedenken an die „Reichskristallnacht" in der NS-Zeit um das Thema „Wohl und Wehe dem Land, das Helden hat". Da ist Kneifel Experte: „In meiner Jugend waren für mich diejenigen Helden, die am 9. November 1938 die Synagogen angezündet haben", sagt er. „Ich habe mir gewünscht, dass man mit Ausländern so verfährt wie damals die Nazis mit den Juden."
Als 13-Jähriger hat er nach Helden gesucht, nach Halt, nach Sinn in seinem Leben. Zu Hause fand er nichts davon: „Meine Eltern waren schwer krank, behindert, arm, sozial isoliert." In der Schule war er Einzelgänger, hat sich geschämt für seine Herkunft. Dann lernte er Neonazis kennen. Sie gaben ihm das Gefühl angenommen und akzeptiert zu sein. Mehr noch: „Sie sagten: Hey, du bist Weißer, du bist Herrenmensch, du gehörst zur Elite."
Erstmals fühlte sich der Außenseiter nicht mehr als Verlierer. Er hatte Freunde. Er hatte Spaß daran, sich abzugrenzen, sich anfeinden zu lassen von Eltern, Lehrern, Mitschülern, den „normalen Menschen". Er hasste sie. Er fing an Alkohol zu trinken, wurde immer radikaler und zunehmend gewalttätig.
Dann kam jener denkwürdige Tag. Kneifel war 16. Eigentlich wollte er nur jemandem einen Denkzettel verpassen. „Ich wollte ihn nicht töten. Doch irgendwie ist die Lage eskaliert." Als ein Freund ihn wegzog, war es zu spät. Das Opfer starb einen Tag später. „Da wusste ich, es war der falsche Weg. Aber mir war auch klar, dass es kein Zurück mehr gab. Ich hatte einen Menschen getötet. Die Schuld war wie eine zerstörte Brücke. Der Weg zurück in ein normales Leben war abgeschnitten."
Im Gefängnis war die Gewalt allgegenwärtig. Er war abgestempelt als „schlechter Mensch". Doch dann traf er mit Christen zusammen, die sich ehrenamtlich um die Häftlinge kümmern: „Die kannten meine Tat und meine Schuld. Aber die sahen mich trotzdem als Mensch, dem Gott seine Schuld vergibt." Sie zeigten Johannes Kneifel einen neuen Weg, zu einem neuen „normalen" Leben.
Es blieb ein schwerer Weg für den Ex-Nazi. Nach der Haft suchte er Kontakt zu einer Baptistengemeinde. Er begann in der Nähe von Berlin ein Theologiestudium, das er in Kürze abschließen wird. Johannes Kneifel ist jetzt 29 Jahre alt.
Eines seiner schönsten Erlebnisse war ein Kindergottesdienst: „Da waren Eltern, die haben mir, dem Knacki, ihre Kinder anvertraut. Die haben mir was zugetraut, haben in mir jemanden gesehen, der begabt ist, der etwas weiterzugeben hat. Da wusste ich: Gott schenkt mir einen Neuanfang." (epd)
Westfalenpost 10.12.2011 © Alle Rechte vorbehalten. Zur Verfügung gestellt von Westfalenpost
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Am 29. Januar 2012 lief im Ersten ein Porträt über Johannes Kneifel, das Sie sich in der ARD Mediathek anschauen können. ARD Mediathek
Vom Nazi zum Pastor: Die Verwandlung des Johannes Kneifel · Spiegel · Hendrik Ternieden
Buchtip: Johannes Kneifel: Vom Saulus zum Paulus · Skinhead, Gewalttäter, Pastor - meine drei Leben.

Johannes Kneifel arbeitet nach seinem abgeschlossenen Theologiestudium heute freiberuflich als Referent.

Zur Person Marjorie-Wik

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